… das wird unserer Generation, auch als Generation Y bekannt, häufig vorgeworfen. Ihr habt keine eigene Meinung, ihr protestiert nicht mehr gegen das Regime, ihr nehmt alles kommentarlos hin… Ist unsere Generation wirklich so langweilig und angepasst geworden? Ich behaupte: nein!

Durch einen Artikel von 2012 in der Zeit Online von Christiane Florin, einer Lehrbeauftragten für Politische Wissenschaft und Soziologie an der Universität Bonn, in dem es um die veränderte Mentalität der heutigen Studenten ging, wurde ich auf ihr Essay „Warum unsere Studenten so angepasst sind“ aufmerksam. Das knapp 80-seitige Essay kritisiert die angepassten (Politikwissenschaft-)Studenten der letzten Jahre und deren Unwillen zu Diskussion bzw. dem Desinteresse am eigenen Fach. Auf sehr ansprechende, teils witzige Art und Weise liefert Florin Anekdoten aus ihrem Alltag als Universitätsdozentin. Sie beklagt die Leere in den Seminarräumen und den Hang zur Akzeptanz. Wir Studenten hinterfragen nichts mehr und interessieren uns eher für die Abschlussnote als den Inhalt des Seminars – nur einer der Vorwürfe, den die Autorin ihren Studenten an den Kopf wirft. Die anfängliche Kritik an den eigenen Studenten, weitet sich schnell zur Kritik an einer ganzen Generation aus. Führen wir wirklich keine Diskussionen mehr? Ist uns alles egal, was um uns herum geschieht?

Kein Platz für Selbstverwirklichung?

Christiane Florin versucht auch immer wieder im Ansatz eine Erklärung für diese Veränderungen zu finden. Spricht von der Schnelligkeit, die das Leben der Generation Y beeinflusst und von den immer größer werdenden Ansprüchen, die Absolventen auf dem Arbeitsmarkt erwarten. Obwohl sie diese Punkte wenig ausführt, hat sie trotzdem das Wesentliche erfasst. In einer Generation, in der nur Leistung und unbezahlte soziale Praktika im Lebenslauf zählen, bleibt wenig Platz für Selbstverwirklichung. Gute Noten sind grundsätzlich suspekt („du Streber!“), Interesse am Fach wird mit den Worten „Langzeitstudent“ und „Systemschmarotzer“ abgetan, was zählt ist der Durchschnitt. Matura – Studium in Mindeststudienzeit – baldiger Einstieg ins Berufsleben. Das ist der ideale Weg. Wehe dem, der davon abweicht! Nicht nur einmal habe ich mit Studienkollegen Diskussionen über die Überschreitung der Mindeststudienzeit geführt und den unheimlichen „Konsequenzen“ die das im Lebenslauf mit sich bringt. Wie soll ich das meinem späteren Arbeitgeber erklären? Vielleicht kann ich ja noch ein unbezahltes Vollzeit-Praktikum in den Sommerferien machen? Oder im Auslandssemester noch ein paar mehr ECTS unterbringen? Selbstverwirklichung, Interesse am Fach – diese nicht messbaren Indikatoren wurden auf die Ersatzbank verbannt.

Sind wird also wirklich so angepasst wie Frau Florin behauptet? Fehlt uns der Mut zur Diskussion? Angepasst möglicherweise – was sich aber aus unserem Umfeld, unserer Erziehung ergibt. Unser ganzes Leben wird uns eingetrichtert, was wir zu tun haben. Die Zahl der Studenten steigt rapide an, ein Studium ist nicht wie vielleicht noch vor 20 Jahren, der Freifahrtschein für eine beispiellose Karriere. Ich behaupte, dass eine große Zahl der jungen Leute heute studiert, weil es „eben alle so machen“. Was zählt ist der Titel! Ohne mindestens einem BA vor dem Namen, hat es fast keinen Sinn mehr überhaupt noch Bewerbungen auszuschicken.

Der Weg des geringsten Widerstandes

Wie schaut es mit dem Mut zur Diskussion aus? Ich glaube, hier wurde etwas ganz wichtiges außer Acht gelassen: die Veränderung in der Kommunikation! Wir müssen nicht auf das nächste Spezialisierungsseminar zur Politischen Theorie warten um unsere Meinung zu diesem Thema kund zu tun. Ein Tweet, ein Post auf Facebook, ein Bild auf Instagram – all das sind Möglichkeiten die es uns heute erlauben, einen gefassten Gedanken sofort in die große weite Welt zu schicken und mit Gleichgesinnten zu diskutieren. Ich behaupte, es wurde einfacher. Man muss sich nicht mehr in einem Seminarraum 20 Gegenmeinungen stellen, sondern kann in der Anonymität verweilen. Unsere Diskussionskultur hat sich verändert, ja verlagert. In einen virtuellen Raum, wo wir uns vor Kritik verstecken können – läuft das Gespräch nicht wie gewünscht wird der Post gelöscht und die Sache hat sich. Kritik und Feedback sind Dinge mit denen wir oft nicht gelernt haben umzugehen.

Wie Florin ebenfalls in ihrem Essay erwähnt, wird heute viel milder benotet. Jede Note im Studium zählt, alles erscheint im Abschlusszeugnis. Ein Dreier auf eine Seminararbeit gilt als katastrophal und wird sofort mit dem Dozenten ausdiskutiert. Wir sind verwöhnt von geschenkten Noten. Was sind gute Noten dann im Endeffekt noch wert? Aussagen von Kommilitonen à la „Wenn du nur irgendetwas Schriftliches abgibst, kriegst du schon eine gute Note auf deine Hausarbeit“ lassen aufhorchen. Wozu noch anstrengen? Ich würde mich nicht als „Streber“ bezeichnen, allerdings ist mir das Lernen nie schwer gefallen und spätestens seit meinem Studium tue ich es mit Begeisterung. Natürlich gibt es Fächer, die einem nicht so leicht von der Hand gehen – das ist doch ganz normal, oder? Woher kommt aber diese grundsätzliche Skepsis gegenüber Wissen, die sich auszubreiten scheint?

Im täglichen Kampf zwischen Zukunftsangst und Weltverbesserungsvorsätzen stellt sich die Frage ob die Generation Y wirklich so hoffnungslos verloren ist. Vielleicht sind wir uns einfach selbst noch nicht ganz so sicher, was wir mit uns anfangen sollen. Eines weiß ich allerdings sicher: Langweilig sind wir nicht – nur anders!

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